Bildung digital: Krisenzeiten für Schulen und Hochschulen – uniClever.de
Digitalisierung

Bildung digital: Krisenzeiten für Schulen und Hochschulen

Bildung digital: Krisenzeiten für Schulen und Hochschulen

 

Kurz nach Ausbruch des Coronavirus in Deutschland wurde an allen Schulen und Hochschulen der Präsenzbetrieb bis auf Weiteres untersagt. Seitdem greifen die Institutionen auf digitale Alternativen zurück.

März 2020, mit der Schließung des Schul- und Hochschulbetriebs kam der digitalen Bildung, über Nacht, eine ganz neue Bedeutung zu. Viele Hochschulen, ob privat oder öffentlich, waren schlichtweg nicht bereit für die plötzliche Umstellung auf den digitalen Betrieb. Für die Vorlesungen im virtuellen Raum mussten viele der Institutionen zuerst ihre digitale Infrastruktur aufrüsten. Damit für Studierende und Lehrende die Teilnahme an Vorlesungen gewährleistet werden konnte, mussten ein Großteil der Angebote in nur wenigen Wochen digital zur Verfügung gestellt werden.1

Insgesamt lässt sich sagen, dass Hochschulen die Herausforderungen der abrupten Umstellung auf digitale und ortsunabhängige Lehre gut bewältigen konnten. Schaut man auf die Zeit vor der Pandemie zurück, stellte sich heraus, dass gerade einmal 12% der durchgeführten Lehrveranstaltungen digital abgehalten wurden. Mit Corona kam dann die große Wende. Im Sommersemester 2020 waren es bereits 91%. Laut Umfragen des Stifterverbands erfolgte die Umstellung in vielen Fällen innerhalb von nur 30 Tagen oder schneller – eine beträchtliche Leistung.2

Prüfungsformate in digitaler Form waren vor Ausbruch der Pandemie weitestgehend eine Seltenheit. Mit Beginn der Krise wurden sowohl Prüfungen als auch Informationsveranstaltungen in kürzester Zeit realisiert. Laut der Studie geben 86% der Lehrenden an, dass ihre Hochschulen digitale Prüfungen ermöglicht haben. Insgesamt ist die Umstellung auf digitale Formate gelungen. Studierende und Lehrende ziehen weitgehend ein positives Fazit. Unterschiede gibt es dennoch, bemerkbar machten sich diese bei den Bewertungen der Lehrformate. Positiv bewerten sowohl Studierenden als auch Lehrende den Wechsel von Lehrformaten in großen Gruppen wie Vorlesungen. Laborarbeit oder begleitende Übungen schnitten dahingegen eher negativ ab. Besonders betroffen sind Fächer mit hohen Praxisanteilen wie Sport, Musik, Medizin oder Kunst.

Zufriedenheit rückläufig unter den Studierenden

Die Umstellung auf digitale Formate erfuhr überwiegend positive Einschätzungen. Trotzdem ist die Zufriedenheit der Studierenden gesunken. Im Wintersemester 19/20 gaben noch 85% mit der Lehrerfahrung (eher) zufrieden zu sein, so waren es im Sommersemester 2020 nur noch 51%. Von den Studierenden wurden besonders nicht akademische Aspekte als negativer Einfluss auf ihre Lehrerfahrung genannt. Mangelnde Sozialkontakte und damit der fehlende Austausch mit den Kommilitonen, Motivations- und Konzentrationsschwierigkeiten, sowie eine erhöhte Arbeitslast wurden als Gründe angegeben. Aus der Stifterverbands Studie lässt sich erschließen, dass bei anhaltender Umstellung der klassischen Lehrformate Alternativen zur Stärkung der sozialen Interaktion der Studierenden entwickelt werden müssen. Gerade für Studenten, die im ersten Semester sind oder aus dem Ausland kommen, fehlen die integrativen Maßnahmen zur Unterstützung. Das Jahr 2020 hat gezeigt, dass durch die digitalen Formate bessere Selbstorganisation und eigenständiges Lernen stärker gefordert werden.4

Die Pandemie hat nicht nur Auswirkungen auf die aktuelle Situation an den Hochschulen der Studierenden. Zukunftsängste und weitere Belastungen kommen noch hinzu. Ein andauerndes Gefühl von Unsicherheit sorgte in den letzten Semestern für Unbehagen. Wie ist der weitere Verlauf meines Studiums? Wird mein BAföG respektive mein Studiendarlehen verlängert? Zudem wurden Praktika sowie geplante Auslandssemester bei vielen Studierenden ersatzlos abgesagt. Für Hochschulen besteht in diesen Fällen die Möglichkeit mit unbürokratischen Angeboten zu reagieren. Die Philipps Universität aus Marburg geht in diesem Fall mit gutem Beispiel voran und hat einen Nothilfefond für betroffene Studierende eingerichtet. Des Weiteren sollten an dieser Stelle bestehende Beratungs- und Betreuungsangebote für besonders bedürftige Studierende digitalisiert werden.5

 

 

Einen Rahmen schaffen für digitale Lehre 

Um langfristig, eine für alle zufriedenstellende, Lehre in einer digitalen Welt zu implementieren, können die Erfahrungen der letzten Monate helfen ein hybrides und untereinander ergänzendes Modell zu entwickeln. Voraussetzung dafür ist eine grundlegende Organisationsentwicklung. Aus verschiedenen Studien lassen sich bereits Tendenzen ableiten in welche Richtung eine Umstellung der Prozesse zielen sollte.

Dass Bildung auf Dauer nicht digital, sondern in Präsenzform stattfinden muss ist ein Fakt. Es fehlt klar der persönliche Austausch mit den Kommiliton:innen und Dozierenden und das nicht ausschließlich im wissenschaftlichen Bereich. Digitalisierung kann die zwischenmenschliche Kommunikation nicht ersetzen. Für viele Studierende und Lehrende ist der Austausch von großer Wichtigkeit, um Gelegenheiten zur Reflexion und Feedback zu erbrachten Leistungen zu bekommen.7

Digitale Medien sollten beispielsweise im Bereich der Wissensvermittlung und Kollaboration weiter ausgebaut und umgesetzt werden. Es gibt hierbei positive Aspekte in der Beratung da zum Beispiel Sprechstunden von Studierenden besser wahrgenommen werden können, auch wenn sie sich mal nicht an der Hochschule befinden. Die Digitalisierung der Prüfungsangebote wirft hierbei andere Herausforderungen auf und es wird schnell klar, dass grundlegende Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Beginnend mit den technischen Ausstattungen der Hochschulen, diese müssen auf allen Ebenen des Hochschulmanagements geschaffen werden sowie eine Verankerung in den Prüfungsordnungen umgesetzt werden muss.8

Hochschulen sollten sehr individuell mit dem Thema Digitalisierung umgehen und Studium und Lehre als strategisches Thema reflektieren. Gerade bei der nachhaltigen Verankerung und einer passgenauen Entwicklung von unterstützenden Strukturen braucht es eine strategische Auseinandersetzung von Seiten der Hochschulen und ihrer Führungsorgane. Die Digitalisierung der Strukturen kann grundlegend zur Lösung einer Vielzahl an Herausforderungen beitragen. Jedoch ist zu beachten, dass es keine einheitliche Lösung für jede Hochschule gibt, sondern vielmehr jede Hochschule eine für sich passende Strategie und Umsetzung entwickeln muss.9

Hilfe aus der Politik 

Die digitalen Vorlesungen werden von den Studierenden überwiegend als positiv bewertet. Auf der anderen Seite beklagen sie aber die abnehmende Qualität von kleineren Veranstaltungen wie etwa Seminare und praktische Übungen. An dieser Stelle hat der Stifterverband eine klare Botschaft an die Hochschulen, sie sollten sich an Unternehmen in der Wirtschaft orientieren. Diese haben während der Coronakrise mit Spezialformaten einen Weg gefunden den Austausch ihrer Mitarbeiter aufrecht zu erhalten. Für die Umsetzung nutzen sie digitale Formate von offenen Austauschräumen. Auch Hochschulen haben bereits große Schritte in diese Richtung gemacht, so gibt es beispielsweise virtuellen Labore der RWTH Aachen oder das an der Uni Göttingen geplante interdisziplinäre Virtual-Reality-Labor. Das sind bisher jedoch noch absolute Ausnahmen.10

 

 

Hilfe aus der Politik ist bis jetzt nur bedingt erfolgt. Für die digitale Weiterentwicklung der Bildungsinstitute ist nicht nur Geld ein ausschlaggebender Faktor, sondern auch länderübergreifende Konzepte, fordert der Stifterverband. Nach einem Bericht des Bundesrechnungshofs wurden mehrere Milliarden Euro aus dem Hochschulpaket nicht ausgegeben. Allerdings belaufen sich die Summen, die den Hochschulen noch zur Verfügung stehen, auf sehr unterschiedlichem Niveau.11

Abschließend kann man sagen, dass selbst nach über einem Jahr Pandemie und voranschreitender Digitalisierung die Potenziale bei weitem noch nicht flächendeckend ausgeschöpft und einheitlich umgesetzt wurden bzw. umgesetzt werden konnten. Gründe dafür gibt es verschiedene, wie unter anderem mangelndes Wissen oder Geld. Die Politik hat hier die Möglichkeit großen Einfluss zu nehmen und für alle einheitliche Ressourcen zur Verfügung zu stellen sowie eine übergreifende Strategie im Bereich der Digitalisierung im Bildungswesen zu formulieren.

 

Quellen: 

Bundesministerium für Bildung und Forschung (2021): Digitale Bildung: Schulen und Hochschulen in Krisenzeiten. Online: https://www.bildung-forschung.digital/de/digitale-bildung-schulen-und-hochschulen-in-krisenzeiten-3128.html (zuletzt abgerufen: 09.05.2021).

2,3,4,5 Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. (o.J.): Future Skills – Diskussionspapier 4, HOCHSCHULEN, CORONA UND JETZT? Online: https://www.stifterverband.org/medien/hochschulen-corona-und-jetzt (zuletzt abgerufen: 09.05.2021).

6,7,8,9 CHE Centrum für Hochschulentwicklung (2021): Digitalisierung. Online: https://www.che.de/digitalisierung/ (zuletzt abgerufen: 09.05.2021).

10,11 Handelsblatt (2020): Die digitale Lehre bleibt eine Dauerbaustelle – auch an den Unis. Online: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/hochschulen-die-digitale-lehre-bleibt-eine-dauerbaustelle-auch-an-den-unis-/26216380.html?ticket=ST-1170205-6DzeH15ASoefMEvcCsnq-ap5 (zuletzt abgerufen: 09.05.2021).

Author

Timo König

Timo König studiert Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Maschinenbau an der Beuth Hochschule in Berlin.

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